Gehe zum Menüpunkt Autor und Bücher
Das Nichtgesagte in deinen Geschichten ist wesentlich mehr als das, was du in ihnen sagst.
Eine Leserin
Deine Geschichten sind genial.
Eine andere Leserin
Ich bin völlig hingerissen von deinen Geschichten über Bologna.
Eine dritte Leserin.
Wenn ich deine Geschichten lese, entstehen in meinem Kopf unmittelbar Bilder von dem, was du beschreibst.
Ein Leser
WILLKOMMEN IN EINER SURREALEN WELT

In unregelmäßigen Abständen erscheinen hier neue Geschichten, Kommentare, Beobachtungen, Videos oder Fotos von Georg Gehlhoff.
Der Seelenstreik
Meine Seele hatte eines Tages genug von meinem stressigen Stadtleben und zog aufs Land. Sie schrieb mir eine Postkarte, es gehe ihr wunderbar und sie werde ihren Streik so lange fortsetzen, bis auch ich zu ihr hinauszöge. Ich hörte jedoch aus anderer Quelle, es fehlten ihr auf dem Land die Impulse, die sie trotz ihrer vielen Beschwerden über mein angeblich so schreckliches Stadtleben doch genossen hatte. Das Landleben sei ihr auf die Dauer viel zu öde; sie merke immer mehr, dass sie im Lauf der Zeit zu einer Stadtseele geworden sei, die eine gewisse Dosis an Stress einfach brauche. Sonst verkümmere sie. So berichtete es meine Quelle, die niemand anders als meine Frau war, die einige Tage zu meiner Seele aufs Land gereist war, in der Hoffnung, zwischen meiner Seele und mir vermitteln zu können. Das Beste, was ich machen könne, sei, so meine Frau nach ihrer Rückkehr, dass ich selbst aufs Land führe und meine Seele um Verzeihung bitte. Nach der Meinung meiner Frau sei nur diese kleine Geste, dieses kleine Zeichen der Anerkennung ihrer Leiden erforderlich, um meine Seele zur Rückkehr in meinen Körper zu bewegen und ihr das zumindest symbolische Gefühl zu geben, sie kehre als Siegerin aus diesem Kampf hervor. Ich hörte meiner Frau zu und dachte, es klingt vernünftig, was sie sagt und ich hatte das Gefühl…Nein, von Gefühl kann ich nicht sprechen, denn wer keine Seele hat, hat bekanntlich auch keine Gefühle mehr…ich hatte also den Gedanken, ich sei meinerseits am Rande meiner Kräfte, denn ohne Seele und ohne Gefühle fraßen mich der Stress meiner Arbeit und generell der Stress meines Stadtlebens immer mehr auf. Das Problem war jedoch, da ich keinerlei Gefühle mehr empfand, hatte ich auch keinerlei Mitgefühl mit meiner Seele mehr. Für mich konnte sie dort draußen auf dem Land so lange bleiben und vor sich hin schmoren, bis sie schwarz wurde. Oder mit anderen Worten, da ich keine Gefühle mehr hatte, verspürte ich auch keine Sehnsucht nach meiner Seele. Als meine Frau sah, dass ich nicht bereit war einzulenken und auf den von ihr vorgeschlagenen Kompromiss einzugehen, stieß sie einen tiefen Seufzer aus und zog sich resigniert in ihr Zimmer zurück. Ich ging derweil unbeirrt meinem Leben nach und verbrachte immer längere Stunden auf der Arbeit, bis mich meine Frau eines Tages fragte, ob wir eigentlich überhaupt noch miteinander verheiratet seien. Ich musste zugeben, auch ich hatte in letzter Zeit daran gedacht, mir ein Bett ins Büro zu stellen, um die dadurch gewonnene Zeit, die ich sonst für die Fahrt von Zuhause an meinen Arbeitsplatz und zurück beanspruchen musste, für weitere Arbeit verwenden zu können. Als ich diesen Satz sagte, stand meine Frau von ihrem Sessel auf, packte einen Koffer und verließ die Wohnung, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Ich hingegen rief bei einem Möbelhaus an und bat um die Expresslieferung eines Klappbettes an meine Büroadresse. Über Umwege hörte ich, meine Frau sei aufs Land zu meiner Seele gezogen und sie würden sich köstlich miteinander amüsieren. Ein Jahr später schickten sie mir eine Karte, in der sie mir die Geburt meines Sohnes mitteilten. Ich legte die Karte zu den Akten und arbeitete weiter.
P.S. Einige Jahre später- es war Ostersonntag und mein Chef hatte mir an diesem Tag verboten zu arbeiten- bin ich doch aufs Land gefahren, um meine inzwischen drei Kinder einmal kennen zu lernen. Da ich für diesen Sohn und die beiden Töchter einige finanzielle Aufwendungen tätigen muss, wollte ich mich einfach über die ordnungsgemäße Verwendung dieser Gelder informieren. Als ich jedoch auf dem Bauernhof eintraf, stürmten die drei Kinder auf mich zu, umarmten mich wie wild und riefen, Papa ist wieder da, obwohl ich diese Wesen noch nie gesehen hatte. Etwas weiter weg sah ich meine Seele im Schatten eines Baumes stehen. So weit ich es wahrnehmen konnte, denn ich stand mitten im Sonnenlicht und musste mir eine Hand vor die Augen halten, um den Umriss meiner Seele überhaupt erkennen zu können, lächelte sie. (c) Georg Gehlhoff 17.6.2025
Anja Kampmann im literarischen colloquium am Wannsee
Am 17. Juli war ich abends bei einer Lesung von Anja Kampmann im literarischen colloquium in Wannsee. Sie stellte ihren neuen, ziemlich umfangreichen Roman „Die Wut ist ein heller Stern“ vor, der im August bei Hanser erscheinen wird. Das Buch erzählt von Hedda, einer Varieté-Künstlerin in Hamburg in den ersten Nazi-Jahren. Es ist eine sehr vielschichtige Geschichte, erzählt eben aus dem Blickwinkel von Hedda.
Die norddeutsche Autorin, die Moderatorin Maike Albath und zwei österreichische Literaturkritiker entfalteten ein breites Panorama der zahlreichen Themen und Stränge des Romans und haben für meinen Gusto fast ein bisschen zu viel über den Inhalt des Werkes verraten. Beeindruckt hat mich auf jeden Fall, dass die Schriftstellerin es schafft, mit viel Feingefühl und nach umfangreichen Recherchen eine sehr beklemmende Geschichte von Frauen zu erzählen, die nicht den Vorstellungen des „Volkskörpers“ der Nazis entsprachen und vielfacher Gewalt bis hin zur Zwangsterilisation ausgesetzt waren.
Neben diesen allgemeinen Erörterungen über den Text, die die vier Podiumsteilnehmer gaben, hat Anja Kampmann auch zwei längere Passagen aus dem Roman vorgelesen, aber ich bin beim Zuhören öfters abgedriftet und konnte nicht folgen, weil die Autorin wohl etwas „eintönig“ vorlas, wie eine Frau neben mir meinte. Ich habe mir das Buch dennoch gekauft und am nächsten Morgen einige Seiten daraus gelesen, die mir wiederum wegen ihrer nahezu spielerischen und sehr lebendigen Art gut gefallen haben. Spielerisch bedeutet jedoch nicht, dass Kampmann ihren Roman einfach so geschrieben hat, denn man merkt schon gleich am Anfang, die Autorin, die zunächst als Lyrikerin publiziert hat, ist einen sehr genauen Umgang mit der deutschen Sprache gewohnt. Die Sätze sind rhythmisch und machen viel Spaß. Für mich ist diese Schriftstellerin eine schöne Entdeckung.
(c) Georg Gehlhoff (19.7.2025)
Das Pflegeheim
In der Gotenstraße befindet sich ein Pflegeheim für Geister. Es gibt in unserer Stadt gar keine Gotenstraße, die Goten sind auch längst ausgestorben und es gibt bekanntermaßen auch keine Geister, aber jedenfalls befindet sich das besagte Pflegeheim in der Gotenstraße in einem alten Haus aus den 1910er Jahren, das bis vor kurzem einer reichen Unternehmerfamilie gehörte, die sich viele Verdienste um unsere Stadt erworben hat. Der letzte Erbe dieser Familie, der sein Haus bei seinem Tod der Stadt vermachte unter der Auflage, dass sie es als Pflegeheim für Geister nutze, der letzte Erbe also hatte eine bildhübsche Frau gehabt, die jedoch bei der Geburt ihres ersten Kindes verstorben war und seitdem als Geist auf ihre neugeborene Tochter aufpasste. Die Tochter wuchs heran und vermochte Wirklichkeit und Spuk immer weniger zu unterscheiden, bis sie nach ihrem brillanten Abitur einfach verschwand und nie wieder gesehen ward. Ihre Eltern waren über diesen Verlust untröstlich. Er hatte immerhin noch sein Unternehmen, das ihn von seinem Schmerz ablenkte, aber die Geistmutter irrte den ganzen Tag in dem Haus herum und meinte, ihre Tochter müsse sich hier irgendwo versteckt haben. Sie suchte und suchte und suchte, aber sie vermochte ihre Tochter nirgends zu finden, denn diese befand sich sicherlich in einem weitentfernten Land und machte sich keinerlei Gedanken über ihre Eltern, denn sie war immer ein sehr egoistisches Kind gewesen, das sich nur um sein eigenes Wohlergehen kümmerte. Der Vater hatte sich irgendwann damit abgefunden, dass seine Tochter nicht zurückkehren würde und vielleicht war er insgeheim sogar froh darüber, denn seine Tochter hatte sein Unternehmen mit ihren extravaganten Wünschen fast in den Bankrott getrieben. Er machte sich jedoch große Sorgen um seine Geistfrau, die von Tag zu Tag verwirrter wurde und noch immer nicht über das Verschwinden ihrer Tochter hinweggekommen war. Der Unternehmer war inzwischen alt geworden und hatte sein Unternehmen an einen großen Konzern verkauft. Mit einer Engelsgeduld, die schier unendlich war, widmete er seine letzten Lebensjahre seiner Frau und hörte sich tagein tagaus ihre Klagen an. Zurecht machte er sich Gedanken, was sein würde, wenn er verstürbe, wer sich dann um seine Frau kümmern würde, denn er selbst hatte beschlossen, wenn er tot sei, wolle er einfach in seinem Sarg liegen und die Friedhofsruhe genießen. Wenn er nämlich einen ehrlichen Moment sich selbst gegenüber hatte, musste er zugeben, er zog es vor, in einem kalten Grab zu liegen, als sich auch noch als Geist um seine Frau zu kümmern. Dennoch war es ihm natürlich wichtig, dass seine Frau auch nach seinem Tod noch Gesellschaft habe. So kam er auf die Idee mit dem Pflegeheim für Geister. Der Notar, bei dem er sein entsprechendes Testament aufsetzte, hatte zunächst Einwände gehabt, weil es ja eigentlich weder die Gotenstraße noch das Haus des Unternehmers in der Gotenstraße gab, aber nachdem der Unternehmer ihm in vielen Worten die Beweggründe für sein ungewöhnliches Testament erläutert hatte, erklärte sich der Notar dann doch bereit, seinen letzten Willen anzunehmen und zu beglaubigen.
Das Begräbnis des Unternehmers war ein Ereignis, das die ganze Stadt bewegte, denn mit ihm ging eine Dynastie zu Ende, die die Geschicke der Stadt seit einem Dreivierteljahrhundert geprägt hatte. Zwar hatte die Bedeutung des Unternehmens in der Stadt seit einigen Jahren deutlich nachgelassen und man versprach sich nichts Gutes davon, dass dessen Zukunft nun in den Händen eines ausländischen Konzerns lag, der keinerlei nähere Verbindungen zu der Stadt hatte, dennoch war man stolz auf diese Unternehmensfamilie und es kamen Hunderte Menschen zu der Beisetzung, die von der großen Friedhofskapelle zum prunkvollen Familiengrab führte, wo der Sarg des Verstorbenen in eine Gruft getragen wurde, in der er seine letzte Ruhestätte finden sollte. Die Bewohner der Stadt versprachen sich, sie würden den Toten in hohen Ehren halten.
Als wenige Tage später das Testament des Verstorbenen eröffnet wurde, ging jedoch ein Raunen durch die Bevölkerung, als ob der letzte Wille dieses Mannes eine peinliche Leidenschaft von ihm offenbart habe, die er nach Ansicht der Menschen auch nach seinem Tod lieber für sich hätte behalten sollen. Man hatte das Gefühl, der Unternehmer habe sich aus irgendeinem unbekannten Grund an der Stadt rächen wollen, indem er sie vor den Augen der Welt lächerlich machte. In der Tat berichteten auch viele internationale Medien über diesen ungewöhnlichen letzten Willen und es erschienen in der Presse zahlreiche Glossen, die sich über diese Stadt der Geister, wie sie nun allgemein genannt wurde, lustig machten. Empörte Bürger initiierten eine Petition an die Stadtverwaltung, mit der dem Verstorbenen die Ehrenbürgerschaft der Stadt aberkannt werden sollte und fast hätte ein entsprechender Antrag der Opposition im Stadtparlament eine Mehrheit bekommen, wenn der Bürgermeister sich nicht mit all seiner Autorität dagegen ausgesprochen hätte, aber man munkelte, dieser Einsatz für den Verstorbenen werde ihn bei den nächsten Wahlen sein Amt kosten, obwohl er eigentlich ein sehr beliebter Bürgermeister war. Es hieß, er habe sich gegen den Antrag der Opposition entschieden, weil er sich mit dem Unternehmer auch persönlich sehr verbunden gefühlt habe, abgesehen davon, dass Letzterer oft große Summen an die Stadtverwaltung gespendet habe, um beispielsweise ein neues Schwimmbad in der benachteiligten Peripherie der Stadt oder um die Sanierung des maroden Krankenhauses zu unterstützen. Der Bürgermeister war der Meinung, einem solch verdienstvollen Mann konnte man unmöglich die Ehrenbürgerschaft entziehen.
Der Bürgermeister war auch einer der wenigen, der wusste, dass in der Villa des Unternehmers weiterhin der Geist seiner Witwe hauste und dass diese Geistin sehr anspruchsvoll war und nunmehr seit Wochen ohne jegliche Gesellschaft in dem Haus ausharren musste. Er ließ sich also von dem Notar den Schlüssel zu der Villa aushändigen und besuchte die alte Frau. Der Bürgermeister stammte wie die Geistwitwe aus einer angesehenen Familie der Stadt und wusste, wie man sich gegenüber der Geistin zu verhalten hatte. Es wurde also ein angenehmer Nachmittag, der freilich noch besser verlaufen wäre, wenn die Witwe sich nicht in einem Fort über die schreckliche Vernachlässigung ausgelassen hätte, die man ihr nach dem Tod ihres Mannes habe zuteilwerden lassen.
Obwohl die Witwe also alles tat, um den Bürgermeister innerlich verzweifeln zu lassen, wie ein solches Pflegeheim für Geister je funktionieren solle, ließ er sich dennoch nicht entmutigen. In gewisser Weise gefiel ihm diese Geisterwitwe sogar, denn sie war nicht so weichgespült wie die meisten Frauen (und Männer) heutzutage, sondern hatte Biss. Er beschloss also, die Witwe nunmehr täglich aufzusuchen, bis sich diese ganze Sache mit dem Pflegeheim eingespielt habe. Andererseits bemühte er sich mit allen Kräften, Geister zu finden, die bereit waren, in die ehemalige Industriellenvilla einzuziehen. Außerdem mussten spezielle Geisterpflegekräfte engagiert werden, die sich darauf verstanden, mit den oft nicht leicht zu ertragenden Macken der Geister umzugehen. Nach und nach füllte sich die Villa mit ihren neuen Bewohnern und die internationalen Medien zeigten noch immer großes Interesse an diesem neuartigen Experiment. Allmählich stieg auch wieder das Ansehen des Bürgermeisters in der Stadt und seine Chancen auf eine Wiederwahl verbesserten sich von Tag zu Tag. Natürlich gab es kleine und mittlere Reibereien zwischen der Unternehmerwitwe und den anderen Geistern, aber die Witwe genoss es andererseits, so viele Menschengeister um sich zu haben, und ihre Führungsrolle in dem Haus war unumstritten. Sie vermisste es nur, keinen Mann neben sich im Bett liegen zu haben, doch wenn sie ehrlich zu sich war, passte keiner der anderen Geister zu ihr. Sie waren alle unter ihrem Niveau. Auch der Bürgermeister ließ sich nur noch selten blicken, weil er sich bereits im Wahlkampf befand, der seinen ganzen Einsatz erforderte, wie auch die Witwe einsehen musste. Als er wegen der großen Anstrengung einige Wochen nach seiner Bestätigung im Amt jedoch an seinem Schreibtisch zusammenbrach und sein Herz trotz sofortiger Wiederbelebungsversuche nicht wieder schlug, wurde auch dieser neue prominente Geist in das Pflegeheim aufgenommen und schon nach wenigen Wochen waren die Witwe und der Bürgermeister ein trautes und unzertrennliches Paar geworden. Der Unternehmer fror derweil mächtig in seinem kalten Grab und bedauerte es, nicht bei seiner Frau geblieben zu sein. Oder mit anderen Worten, er war zutiefst erbost, dass der Bürgermeister die Früchte dessen erntete, was er gesät hatte. Seine verschwundene Tochter, die in einem fernen Land in der Zeitung von dem Pflegeheim gelesen hatte, jedoch schüttelte nur den Kopf, denn sie wusste ja, eine Gotenstraße hatte es in ihrer alten Heimatstadt nie gegeben und insofern war auch dieses Pflegeheim für Geister nur eine fantasievolle Erfindung eines vielleicht etwas romantisch veranlagten Steglitzer Autors, dessen Namen sie noch nie gehört hatte. (c) Georg Gehlhoff (April 2025)
Die Brücke
Die Brücke lechzte danach, einmal von dem Wasser zu trinken aus dem Fluss, der unter ihr floss. So sehr sie sich aber auch bemühte, sie kam dem Fluss nie näher. Derweil fuhren die Motorräder, die Autos und die Lastwagen über sie und all dieses Gewicht und all dieser Lärm gingen ihr gehörig auf die Nerven. Manchmal hätte sie schreien können, aber da sie jung war, musste sie alles erdulden und konnte keinen Piep sagen. Ihr Durst jedoch machte ihr immer mehr zu schaffen. Natürlich regnete es öfters und von den Regentropfen wurde die Brücke nass, aber das half ihr keinen Deut weiter, denn der Mund der Brücke befand sich ja auf der unteren Seite, wo nie auch nur ein Tropfen Wasser hingelangte. So vergingen die Jahre und die Brücke wurde immer verzweifelter. Ihr Mund war schon ganz ausgetrocknet und sie hatte ständig Kopfschmerzen, weil ihr einfach das Wasser fehlte und weil der Lärm und der Gestank der vielen Motorfahrzeuge, die über sie fuhren, einfach unerträglich waren. Irgendwann konnte die Brücke wirklich nicht mehr und sie fing an zu ächzen und dieses Ächzen war wenigstens ein kleiner Trost in ihrem ansonsten trostlosen Leben. Nur des Nachts, wenn es ruhig war auf der Brücke, blieb sie still und dachte über ihr Dasein nach. Manchmal träumte sie davon, eine Brücke auf einem großen Schiff zu sein und die vielen erfrischenden Wasserspritzer auf ihrem Glasgesicht zu spüren. Sie genoss auch die Vorstellung, dass das Schiff und damit auch die Brücke bei dem Wellengang hin und her schaukelten und je mehr sie sich diesen Träumen hingab, desto mehr schien es ihr, als ob sie sich tatsächlich bewegte. In einer langen Winternacht, als es wirklich sehr stürmte, bewegte sie sich hin und her. Sie ächzte immer lauter, aber es war ein Ächzen vor Freude, dass vielleicht in diesem Moment ihr sehnlichster Wunsch nach Wasser in Erfüllung gehen werde. Und irgendwann, als es noch immer tiefe Nacht war und der Sturm so heftig tobte, dass alle Menschen der Stadt in ihren Betten zitterten und beteten, brach die Brücke, die inzwischen sehr alt geworden war und eigentlich dringend generalüberholt werden musste, in sich zusammen und fiel in den Fluss. Trotz der übergroßen Schmerzen, die die zerrissene Brücke im Flussbett liegend empfand, war sie selig über das viele Wasser, das in ihren Mund floss und wenn sie nicht ertrunken wäre, könnte man noch heute ihre Glücksschreie vernehmen. 19.4.25 COPYRIGHT GEORG GEHLHOFF
+
Blog.